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«Politische Diskussionen im Web werden besser»

Posted: März 6th, 2010 | Autor: Simone Wagner | Filed under: Uncategorized | Tags: , , , , | 1 Comment »

Auch Lokalpolitiker führen ihren Wahlkampf zunehmend im Web 2.0

mark_balsigerIn den europäischen Nachbarländern und den USA spielen Foren, Blogs und soziale Netzwerke schon eine feste Rolle im Wahlkampf; auch in der Schweiz wird das Web 2.0 für die Politik immer wichtiger. Doch noch hat der Online-Wahlkampf ein Imageproblem. Diskussionsforen im Internet gelten als wenig seriös und anonym. Erreichen Politiker ihre potentiellen Wähler tatsächlich über diese digitalen Kanäle? Können sie die klassische Podiumsdiskussion gar ersetzen oder dienen viele Foren nur zum Tausch von Stammtischparolen?

Eines der Foren, die sich den Qualitätsunterschied in der Online-Debatte zur Aufgabe gemacht haben, ist wahlbistro.ch. politReport hat den Initianten des Projekts Mark Balsiger dazu befragt.

politReport: Herr Balsiger, wer sind Sie und was machen Sie?
Mak Balsiger: Ich führe seit bald acht Jahren eine Kommunikationsagentur, die Schwerpunkte bei Kampagnen und Öffentlichkeitsarbeit setzt. Zudem arbeiten wir mit Einzelpersonen, die ihre Auftrittskompetenz verbessern möchten. Im eidgenössischen Wahljahr 2003 befragte ich von der Universität Bern aus 1500 Personen, die für den Nationalrat kandidierten. Dank 70 geschlossenen Fragen, die alle Kandidierenden beantworteten, wissen wir präzis, wo der Wahlkampf 2003 stand. Auf Basis dieses riesigen Datensatzes entstand 2007 das Buch Wahlkampf in der Schweiz. Nebst dem wissenschaftlichen Teil wartet es mit rund 60 Seiten Tipps und Tricks auf. Es wurde zu einem Standartwerk; im Herbst wird mein Buch über erfolgreichen Wahlkampagnen erscheinen. Ursprünglich war ich als Redaktor tätig, verbrachte mehrere Jahre im Ausland und arbeitete auch als Pressesprecher, bevor ich mich 2002 selbständig machte.

Wie ist die Idee für das wahlbistro.ch entstanden? Welche Intention steht hinter dem Forum?
Wir wollen einen engagierten Dialog zwischen Politisierenden und Bürgern ermöglichen. Das Wahlbistro ist die Antwort auf die Bashing-Kultur in den Foren, die sich leider weitgehend durchgesetzt hat. Wir bieten keine Anonymität, was sich positiv auf die Qualität der Debatten auswirkt. Unser Diskussionsforum kennt keine Hierarchie wie zum Beispiel NZZvotum. Im Wahlbistro begegnen sich alle auf Augenhöhe. Im Gegensatz zu allen anderen Foren und Blogs werden im Wahlbistro alle Teilnehmenden telefonisch verifiziert. So können wir sogenannte Trolls verhindern, die die Atmosphäre vergiften und der Diskussionskultur schaden.

Wir lancierten das Wahlbistro erstmals 2008, bei den kommunalen Wahlen im Kanton Bern. Jetzt ist es erneut geöffnet: für die Wahlen in der Stadt Zürich sowie den kantonalen Wahlen in Bern. Mit diesem Diskussionsforum wollen wir den Graben zwischen der Politik und den Bürgern wieder verkleinern. Gerade im urbanen Raum gibt es kaum mehr Möglichkeiten für einen regelmässigen Austausch. Vor Wahlen und Abstimmungen wäre aber das Bedürfnis für einen solchen Austausch vorhanden. Wir besetzen diese Nische, und zwar dort, wo die Masse sich heute aufhält: im Internet.

Das Wahlbistro müsste eigentlich von einem universitären Institut, einem Verlagshaus, einer Stiftung oder dem Bund betrieben werden. Am besten jeweils die letzten sechs bis acht Wochen vor den eidgenössischen Abstimmungen und in Kooperation mit Vimentis, einer weiteren neutralen Plattform. Das Verständnis von Demokratie in unserem Land basiert auf informierten und engagierten Bürgern. Ein parteiunabhängiges Diskussionsforum verbesserte die Partizipation und die politische Bildung. Vor diesem Hintergrund müsste das Interesse von Dritten einfach zu wecken sein.

Welche Zielgruppen sprechen politische Diskussionsforen im Internet an?
Die Veränderungen sind rasant: Noch vor wenigen Jahren wurde in der Schweiz das Internet kaum als Informationskanal für Politik benutzt. Inzwischen haben sich ein paar grosse Newsportale durchgesetzt, die die Newszyklen unbarmherzig beschleunigen. Der Qualität im Journalismus ist das abträglich. Diskussionsforen werden zunehmend populärer, auch weil sie von ihren Betreibern stark in den Vordergrund gerückt werden, z.B. die Foren «Arena» und «Club» des Schweizer Fernsehens. Viele der Kommentare dort fallen allerdings durch ein lamentables Niveau auf. Mit dem Wahlbistro geben wir Gegensteuer – Diffamierungen und dumpfes Blabla bringen niemandem etwas. Wir wollen aufzeigen, dass Online-Diskussionen auch mit Anstand und Respekt geführt werden können. Die grossen Verlage sollten sich überlegen, ob die Bashing-Kultur auf ihren Foren die starken Titel aus demselben Haus nicht beschädigt. Diskussionsforen mit einem Qualitätsanspruch werden mittelfristig ein breites Publikum finden – wenn die Betreiber mit ihren komplementären Angeboten eine grosse Reichweite erlangen.

Inwiefern unterscheiden sich Online-Wahlkämpfe in der Schweiz von denen in anderen europäischen Ländern oder der USA?
In der Schweiz stehen Online-Wahlkämpfe erst am Anfang. Parteien und Politiker sind mehrheitlich noch nicht überzeugt, dass sie mit den neuen Medien erfolgreich Wahlkämpfe führen können. Hier bräuchte es zuerst eine eigentliche Bildungsoffensive. Es reicht nicht, zwei Monate vor einem Wahltermin auf Facebook eine Fangruppe ins Leben zu rufen. Die Wahlen in Grossbritannien, die diesen Frühling stattfinden, werden ein zweites das Potential der neuen Medien aufzeigen. Nach der 20 Monate lang dauernden Kampagne von Barack Obama ging ich davon aus, dass Online-Campaigning in der Schweiz schneller Fuss fasst.

Wie viel Zeit und Kapazitäten sollte ein Politiker in seinen Internetauftritt und Aktivitäten im Social Web investieren?
Vor ein paar Jahren erarbeitete ich ein einfaches Modell, das der Erfolg bei Wahlen herausschält. Er basiert auf 25 verschiedenen Erfolgsfaktoren. Ein klares Onlineprofil ist für einen Politiker im Wahlkampf inzwischen der 26. Erfolgsfaktor. Zurzeit ist die Bedeutung der Web2.0-Kanäle noch nicht grösser. Sie wächst aber schnell.

Entscheidend ist, dass Politiker über Jahre hinweg ihre Online-Aktivitäten konstant und glaubwürdig pflegen. Das bedingt viel Disziplin, erschliesst ihnen aber neue Wählerschichten und schärft ihr Profil. Angesicht der chronisch mangelnden Zeit empfehle ich pragmatisch, pro Woche zweimal eine halbe Stunde einzusetzen. Ein echter Dialog mit dem Publikum ist aber essentiell. Das ist die moderne und gleichsam bequemere Form der Bürgernähe.

Die Fragen wurden per eMail gestellt.

Dieser Artikel ist auch bei NZZ Online erschienen.



Klarmachen zum Ändern der Schweizer Politik

Posted: Januar 28th, 2010 | Autor: Simone Wagner | Filed under: Uncategorized | Tags: , , , | No Comments »

Interview mit dem Präsidenten der Piratenpartei Schweiz (PPS)

piratenpartei_144843171263205616Die Piraten verstehen sich als eine internationale Bewegung, die sich den Herausforderungen unserer Informationsgesellschaft und der Digitalisierung der Welt stellen möchte.

Sie wehren sich gegen eine zunehmende Einschränkung von Freiheitsrechten unter dem Deckmantel der Sicherheit und stehen für Datenschutz und eine grundlegende Reform des Urheberrechts. Nach ersten Erfolgen der Piraten in anderen europäischen Ländern bei nationalen Wahlen und der des Europaparlaments, schlossen sich vor sechs Monaten nun auch die eidgenössischen Piraten zu einer offiziellen Partei zusammen. Ihr Präsident ist Denis Simonet. Er ist Mitte zwanzig, Student, Softwaretester, und bei weitem mehr als lediglich ein Vertreter der Generation 2.0.

Zur Zeit bereitet er die ersten Wahlen seiner Partei in Winterthur und Bern von. politReport hat ihn dazu befragt.

denis-simonet-portrait(SW) Herr Simonet, waren Sie früher schon politisch aktiv und was hat Sie dazu bewegt in die Piraten Partei einzutreten?
(DS) Vor der PPS war ich nicht politisch aktiv, aber schon seit längerem mit der politischen Situation unzufrieden. Jedoch gibt es bei jeder etablierten Partei einige Dinge, die mir nicht passen. Als ich von der PPS und deren Gründungsplan erfuhr, habe ich mich über die bereits bestehenden Piratenparteien schlau gemacht. Ich war von deren Ansatz begeistert und wusste, dass es die Partei ist, nach der ich seit Jahren gesucht hatte. Es stand somit ausser Frage, dass ich mich an der Gründungsplanung und -durchführung beteilige und selbstverständlich auch beitrete.

Warum sollte man die Piraten Partei und keiner der anderen etablierten Schweizer Parteien wählen?
Wir befinden uns in einer digitalen Revolution, vergleichbar mit der Industrialisierung von damals. Die etablierten Parteien und die bestehende Gesetzgebung sind mit ihr offensichtlich überfordert. Verzweifelt wird versucht, die Probleme mit neuen Verboten und Überwachung zu bewältigen. Wir sind die kompetente Partei wenn es um Fragen geht, die durch die Digitalisierung aufgeworfen werden. Wir bieten unverbrauchte Kräfte und stehen für Lösungen, die unsere Grundrechte intakt lassen.

Sie sagen, dass im Zuge der Bekämpfung des internationalen Terrorismus ein zunehmendes Sicherheitsbedürfnis gegen Freiheitsrechte ausgespielt wurde. Glauben Sie, dass die ersten Erfolge einiger Ihrer europäischen Schwesterparteien ein Zeichen für ein diesbezügliches Umdenken sind?
Es ist einerseits beruhigend zu wissen, dass es Wähler gibt, die unsere Bedenken teilen. Jedoch befürchte ich, dass das grosse Umdenken noch nicht begonnen hat. Momentan melden sich wohl eher diejenigen zu Wort, die sich endlich von einer Partei verstanden fühlen. Noch viel zu wenige Bürger und Politiker nehmen unsere Anliegen ernst. Es steht noch viel Arbeit vor uns.

Verlieren professionelle Kulturschaffende durch Ihre Vorschläge zur Reformierung des Urheberrechts nicht die Möglichkeit von Ihrer Kunst zu leben?
Viel mehr verlieren sie diese Möglichkeit, wenn sie weiterhin denken, dass Verbote Fakten aus der Welt schaffen. Die Medienindustrie muss lernen, das Internet für sich auszunutzen statt es weiterhin zu verteufeln. Entsprechend darf auch die Gesetzgebung den Fakt, dass ein grosser Teil der Bevölkerung Filesharing betreibt, nicht ignorieren. Unsere Forderungen sind nicht gegen Kulturschaffende gerichtet. Sie richten sich gegen die Haltung, dass veraltete Geschäftsmodelle gesetzlich durchgeboxt werden sollen. Ich bin mir sicher, dass das schlussendlich auch im Sinne der Kulturschaffenden ist.

Wie wichtig sind für Sie das Social Web und andere digitale Kommunikationswege, um Ihre Wähler zu erreichen?
Das Internet, vor allem die Social Networks, sind selbstverständlich ein wichtiger Bestandteil unserer Kommunikation. Deswegen haben wir auch kürzlich unserer Website ein neues Design verpasst. Es ersetzt aber keinesfalls die herkömmliche Parteiarbeit vollständig. Wir werden auch auf die Strasse gehen und mit Ständen die Nähe zu den Wählern suchen. In Bern wird es Wahlplakate von uns geben und in den Wahlunterlagen zu den Grossratswahlen im Kanton Bern werden Flyer von uns dabei sein.

Die Fragen wurden per eMail gestellt.

Dieser Artikel ist auch bei NZZ Online erschienen.