politReport.ch Parteien-IndexpolitReport.ch Parteipräsidenten in den Medien

Noch keine Bundesräte 2.0

Posted: September 28th, 2010 | Autor: Simone Wagner | Filed under: Uncategorized |

Quelle: NZZ Online

Quelle: NZZ Online

Das Social Web spielt in der politischen Berichterstattung nur eine marginale Rolle

Die Bundesratswahlen dominierten über Wochen die Schweizer Medien. Im allgegenwärtigen Social Web in Form von Blogs, Twitter, Facebook und Co. erfuhren die Kandidaten und der Wahlkampf allerdings nur eine zurückhaltende Resonanz. Das faktische Monopol zur politischen Berichterstattung verbleibt bisweilen bei den traditionellen Medien.

Simonetta Sommaruga und Johann Schneider-Ammann sind als neue Bundesräte vereidigt worden und werden voraussichtlich im November diesen Jahres die Nachfolge von Moritz Leuenberger und Hans-Rudolf Merz antreten. Die Medienresonanz der eidgenössischen Medien auf das Wahlergebnis war erwartungsgemäss hoch. Wenn auch die Wahl der Kandidaten wenig überraschend war, so ist es doch zumindest der historische Moment einer Frauenmehrheit im Bundesrat, der eine starke Rezeption in den Medien findet. Im Besonderen gilt dies für die internationalen Medien und auch das Social Web.

Das Social Web reagiert schnell und intensiv
Es liegt in der kurzlebigen Natur von Twitter und Facebook, dass Nachrichten mit Sensationscharakter, wie etwa Abstimmungsergebnisse oder die historische Frauenmehrheit, eine schnelle und netzwerkartige Verbreitung finden. Ein konstantes Interesse ist dort kaum zu verzeichnen. Der Berner Politologe und Kommunikationsexperte Mark Balsiger sieht die Social Web-Kultur da noch nicht ausreichend entwickelt. „Die Social-Media-Produzenten orientieren sich wie meistens an den etablierten Medien und reproduzieren oder kommentieren deren Beiträge. Eigenständige Ansätze findet man kaum.“ Auch in der Blogosphäre kommt politischen Themen nur eine untergeordnete Rolle zu. „ In der Schweiz gibt es nur sehr wenige Blogs, die sich seit Jahren explizit mit Politik befassen. Entsprechend blieben die Postings im Vorfeld der Bundesratswahlen und danach rar.“

Medienpräsenz der beiden neuen Bundesräte in den klassischen Online-Medien (Sommaruga orange, Schneider-Ammann rot) und in Blogs (Sommaruga blau, Schneider-Ammann grün) (Bild: politReport)

Medienpräsenz der beiden neuen Bundesräte in den klassischen Online-Medien (Sommaruga orange, Schneider-Ammann rot) und in Blogs (Sommaruga blau, Schneider-Ammann grün) (Bild: politReport)

Politiker kaum präsent im Social Web
Ein Grund für die mangelnde Präsenz politischer Themen im Web 2.0 liegt in der Tatsache, dass besonders hochrangige Politiker kaum selbst im Social Web aktiv werden. Nur einige Wenige twittern oder sind auf Facebook aktiv. Aus dem Kreis der Bundesräte sind Eveline Widmer-Schlumpf und Doris Leuthard persönlich bei Facebook aktiv. Ihre Kollegen finden sich lediglich in Form mässig populärer Fan-Seiten. Mit Moritz Leuenberger scheidet nun der einzige Bundesrat mit einem eigenen Blog aus dem Amt. Zuletzt erhielten einzelne Beiträge von ihm bis zu 200 Kommentare. Allerdings zeichneten sich auch dort Ermüdungserscheinungen ab. In diesem Jahr publizierte er lediglich drei Beiträge.

Politiker ignorieren Möglichkeiten zum Dialog
Hintergründige Berichterstattung mag weiterhin das Monopol klassischer Medien bleiben, die Verweigerung der Nutzung neuer Medien ignoriert aber den Wandel der Medienwelt und der Kommunikationswege. Das Social Web ist dabei kein Gegenpart zur traditionellen Berichterstattung, sondern eine Ergänzung. Es macht die Diskussionen und den direkten Dialog an sich zum Inhalt der Nachricht und stellt diesen in den Mittelpunkt. Mark Balsiger glaubt, dass Politiker diese Chance noch nicht erkannt haben oder den zeitlichen Aufwand fürchten. „Vorläufig wirkt sich diese Ignoranz noch kaum negativ aus. In ein paar Jahren, wenn der strukturelle Wandel der Medien weit fortgeschritten ist, dürfte es nicht mehr drin liegen, die Social-Media-Kanäle links liegen zu lassen.“ Für eine Annäherung zwischen Politikern und Bürgern dürfte der digitale direkte Dialog jedenfalls förderlich sein.

Dieser Artikel ist auch bei der NZZ Online erschienen.




Leave a Reply