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Flugverbot in Europa - Stillstand als Ereignis

Posted: April 21st, 2010 | Autor: Marie Bartels und Daniel F. Lorenz | Filed under: Uncategorized | Tags: , | No Comments »

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Wir lesen gerne über Katastrophen, deshalb werden sie uns ständig medial geliefert. Zu den wirklich guten gehören heftig wütende Naturgewalten, die mit einer unvorhersehbaren Plötzlichkeit für Tod, Verzweiflung und Zerstörung sorgen. Verfolgt man die Presselandschaft mit ihrer Sprache und Semiotik des Katastrophalen, möchte man meinen, es hätte uns gerade ein schweres Desaster heimgesucht. Die Flughäfen in Europa werden erst langsam wieder geöffnet. Die Katastrophe, deren Auslöser der isländische Vulkan Eyjafjallajökull sein soll, scheint endlich überstanden.

Die medial aufgemachte Katastrophe
Tagelang starrte unsere Medienlandschaft auf ein Ereignis, das im Grunde keines war: Keine Leichen, keine zerstörten Häuser, an denen herzzerreißende Schicksale hängen, keine Tränen. Statt dessen Menschen, deren Urlaub nun eine Woche später beginnt oder in den heimischen Garten verlegt wird, und Banker, die das ach-so-wichtige Meeting in London verpassen. Dennoch wurde alles aufgemacht, als sei wieder Furchtbares passiert: Verzweifelte Menschen in Notunterkünften an Flughäfen, die nun doch keine Woche auf einer Mittelmeerinsel verbringen werden; Graphiken über unternehmerische Verluste, die irgendwie keine sind, denn bestehende Werte wurden nicht zerstört, sondern lediglich nie erwirtschaftet. Von denen, die gerade das Geschäft ihres Lebens machen, redet keiner.
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Erst unsere Abhängigkeit macht das Ereignis zum Ereignis
Und welche Auswirkungen hatte es auf unser Leben, dass wir für ein paar Tage um die Option beraubt waren, mit dem Flugzeug schnell einmal eine Oper in Mailand zu besuchen? Was diese „Katastrophe“ zerstörte waren keine Menschenleben. Allenfalls unsere Vorstellung der Verfügbarkeit von Raum und damit Welt musste in den vergangen Tagen gehörige Abstriche machen. Die in Zeiten der Globalisierung omnipräsente Vorstellung, prinzipiell jeden größeren Flughafen innerhalb eines Tages erreichen zu können, ist wahrscheinlich das Einzige, das in der Aschewolke je erstickte. Die Globalität von Vulkaneruptionen ist schon früher – man denke nur an den Ausbruch des Krakatau 1883 – ein Faktum gewesen, neu sind allemal die Formen der realen und psychischen Auswirkungen. Jenseits konstruktivistischer Spitzfindigkeiten haben sich die auslösenden Naturereignisse nicht wesentlich verändert, die gesellschaftlichen Stoffwechselprozesse hingegen radikal. Erst unsere Abhängigkeit vom Luftverkehr macht das Ereignis zum Ereignis, den Stillstand zu etwas Bewegendem.

Im Grunde könnten wir uns glücklich schätzen. Kein einziges Flugzeug stürzte aufgrund von Vulkanasche in den vergangenen Tagen ab. Die Behörden reagierten - wenn auch aufgrund fragwürdiger Daten – verständlich und sperrten den Luftraum über Europa. Eine Katastrophe im eigentlichen Sinne hat nie stattgefunden.

Dieser Artikel ist auch bei NZZ Online erschienen.